Am 1. Mai 1994, vor genau 30 Jahren also, verunglückte Formel-1-Legende Ayrton Senna in Imola tödlich. Einen Tag zuvor raste bereits der Österreicher Roland Ratzenberger beim Training in den Tod. AUTO BILD lässt Zeitzeugen über das Wochenende sprechen, das als eines der tragischsten in die Geschichte des Sports einging.

Helmut Marko (83):
Ich war nicht vor Ort, habe mir aber alles in Graz im ORF angeschaut. Es war das unglaublichste Rennsportwochenende, das ich je erlebt habe. Selbst für mich, obwohl ich im Gegensatz zu den damals aktuellen Piloten im Rennsport öfters mit dem Tod konfrontiert wurde. Ich hatte meinen guten Freund Jochen Rindt verloren und auch noch einige andere Kameraden. Doch Imola 1994 hat für mich bis heute fast etwas Mystisches, weil alles so kurz hintereinander passierte. Zuerst am Freitag der schwere Unfall von Rubens Barrichello, dann am Samstag der tödliche Unfall von Roland Ratzenberger. Ich wusste sofort, dass er keine Chance hatte, als ich seinen Kopf nur noch leblos baumeln sah.

Und dann der Sonntag. Der größte Schock bei Senna war, dass alle – auch ich – ihn für unverwundbar hielten. Gerhard Berger hat das kollektive Gefühl damals sehr gut beschrieben: “Es war, als wäre die Sonne vom Himmel gefallen.” Nach Sennas Tod startete der damalige FIA-Präsident Max Mosley eine große Sicherheitsoffensive, die extrem positive Auswirkungen auf die Sicherheit der Piloten hatte. Für Ratzenberger und Senna kam sie aber leider zu spät.

Heinz-Harald Frentzen (56):
Ich fuhr damals mein erstes Formel-1-Jahr bei Sauber-Mercedes. Roland Ratzenberger fuhr bei Simtek, ebenfalls in seinem ersten Jahr. Wir waren davor eine längere Zeit zusammen in Japan gewesen, deshalb waren wir sehr gut befreundet. Senna war mein Vorbild. Bei den Tests im Februar in Estoril lud er mich zum Kaffee ein und wir unterhielten uns sehr locker. Danach war er immer sehr nett zu mir. Manchmal stellte er mir auf dem Weg ins Fahrerbriefing wie ein Lausbub ein Bein und lächelte mich dann an. Ich kann mich noch sehr gut an das tragische Imola-Wochenende erinnern. Als Roland am Samstag starb, saßen wir abends zusammen mit einem Freund in einer kleinen Pizzeria und schwiegen uns nur noch fassungslos an. Am Sonntag musste ich mich voll konzentrieren, um das Rennen überhaupt fahren zu können. Ich startete als Fünfter und musste in der Tamburello fast im Blindflug durch Staub und Trümmerteile fahren. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es Senna war. Schon im Auto hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwie wusste ich, dass er nicht überlebt hatte. Auch wenn es mir nach dem Rennen niemand sagte. Nach dem Wochenende fuhr ich eine Woche zum Fitnesspapst Willi Dungl in die Berge. Ich musste völlig abschalten und erst mal wieder zu mir kommen.

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Bernie Ecclestone (93):
Was in Imola passierte, war ein Unglück. Unser F1-Arzt Sid Watkins teilte mir sofort mit, wie schlimm es um Ayrton stand. Er erzählte mir von seinen extremen Kopfverletzungen. Ich informierte dann Ayrtons Bruder, der damals dabei war, dass Ayrton wohl nicht überleben wird. Die Veranstalter wollten zu diesem Zeitpunkt aber nichts Offizielles sagen, weil sie sonst das Rennen hätten abbrechen müssen. Erst am Abend gaben sie im Krankenhaus seinen Tod bekannt. Der Bruder war wütend auf mich, obwohl ich nichts machen konnte. Deshalb legte man mir auch nahe, nicht zur Beerdigung nach Sao Paulo zu kommen.

Ich flog trotzdem dorthin, blieb aber im Hotel. Dort schaute ich mir die Beerdigung im Fernsehen an. Unfälle wie der von Ayrton sind der größte Schock. Weil niemand sich vorstellen konnte, dass ihm im Rennauto zur damaligen Zeit so etwas passieren könnte. Ayrtons Tod, auch seine Beerdigung, der Millionen von Menschen vor Ort oder am Fernseher beiwohnten, hatte etwas Surreales. Mir kam es damals vor, als hätte man in Imola Jesus Christus live ans Kreuz geschlagen und der ganze Planet hätte ihn dann gemeinsam zu Grabe getragen.

Professor Sid Watkins (gest. 2012):
Roland Ratzenbergers Tod hatte Ayrton sehr mitgenommen. Er wirkte äußerst ernst und extrem bedrückt. Am Abend ging Ayrton noch mal an Ratzenbergers Unfallstelle. Es schien, als ob er eine dunkle Vorahnung hatte. Ich redete ihm ins Gewissen. “Du bist der schnellste Mann der Welt. Du musst nichts mehr beweisen. Hör sofort auf und lass uns zusammen angeln gehen.” Seine Antwort: “Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich kann nicht aufhören.” Als ich ihm am nächsten Tag direkt nach seinem Unfall den Helm abnahm, blickte ich in das Gesicht eines Sterbenden. Obwohl ich kein gläubiger Mensch war, passierte für mich doch etwas unerklärliches. Ayrton seufzte kurz, dann entspannte er sich plötzlich vollkommen. Ich bin mir sicher, dass in diesem Moment seine Seele seinen Körper verlassen hatte.

Alain Prost (69):
Das Wochenende von Imola erlebte ich Ayrton als Freund. Ich kommentierte damals für das französische Fernsehen. Ayrton wusste das und sendete mir während eines Trainings einen netten Gruß aus dem Auto. Am Samstag, nach Ratzenbergers Tod, rief er mich an. Am Sonntagmorgen trafen wir uns und redeten hauptsächlich über Sicherheit. Er fragte mich mehrere Male, ob ich nicht den Vorsitz der GPDA (der Fahrergewerkschaft; Anm. d. Red.) übernehmen würde, aber ich lehnte ab. Er erzählte mir auch, dass der Benetton (von Michael Schumacher; d. Red.) nicht legal war, was ihn sehr ärgerte. Er steigerte sich da richtig rein. Das war wirklich seltsam. Diese letzten Tage von ihm bleiben mir besonders in Erinnerung, da habe ich ihn ganz anders wahrgenommen als zuvor. Deswegen erinnere ich mich so gerne daran.

Lewis Hamilton (38):
Ich erfuhr von seinem Tod während eines Kartwochenendes. Ich war damals neun Jahre alt. Als mein Vater mir erzählte, was in Imola passiert war, lief ich einfach weg und musste weinen. Senna war mein Idol, meine Inspiration. Es machte mich so unglaublich stolz, als ich in Montreal 2017 einen Originalhelm von Ayrtons Familie bekam.

Gerhard Berger (64):
Ich weiß noch, wie in der Startaufstellung der Streckensprecher Ayrtons Namen nannte und die Tifosi brüllten. Er schaute mich an und es war, als huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Als ich sein Auto nach dem Unfall zertrümmert am Streckenrand stehen sah, spürte ich, dass irgendwas nicht stimmte. Abends fuhr ich ins Krankenhaus nach Bologna, um mich von ihm zu verabschieden. Danach stellte ich mir die Sinnfrage: Willst Du überhaupt noch? Ich habe mich entschieden, weiterzumachen und bin noch dreieinhalb Jahre in der Formel 1 gefahren.

Ich bin oft gefragt worden: Wie war Senna eigentlich? Zunächst einmal war er ein Mensch mit einer irren Ausstrahlung, einem Wahnsinnscharisma. Ein hochsensibler und hochintelligenter Mann, der immer ehrlich seine Meinung sagte und bedingungslos seinen Weg ging. So was findet man nur ganz selten. Als Rennfahrer war er der beste, gegen den ich je gefahren bin. Ein Perfektionist. Mit unheimlichem Speed.

Einerseits hatte er Wahnsinnsemotionen und immer das Gefühl, er habe Recht. Andererseits war er cool und überlegt. Er hatte keine Fehler und keine Schwächen. Seine Konzentrationsfähigkeit war weit über allem, was ich bei anderen Rennfahrern gesehen habe. Wenn er voll konzentriert war, hat er keinen Schmerz gespürt, keine Anspannung, er war wie in einer anderen Welt, zu der wir anderen keinen Zutritt kriegen konnten.